Web 2.0 und politischer Aktivismus: Ein persönlicher Erfahrungsbericht mit ein bisschen Abstand zum 1. Mai

Posted by andrea
17. Mai 2009 - 12:23

Es ist wieder etwas ruhiger geworden in meinem Aktivistinnen-Leben und darum wird es Zeit, die Zeit nach dem 1.Mai in Linz zu reflektieren. Nachdem ich die Vorfälle auf der Linzer Blumau mitbekommen habe, habe ich getan und getan und getan - jetzt möchte ich mal innehalten und meine Erfahrungen ein gutes Stück abstrakter reflektieren. Ich tue das chronologisch.

Als ein Nachbar mir am 1. Mai mittag gesagt hat, dass auf der Blumau (ich wohne gleich ums Eck) irgendetwas los ist und ich fast zeitgleich in Facebook auch etwas von Gewalt lesen musste, war ich zuerst einfach ziemlich verwirrt. Ich kenne die alternativen 1. Mai Demonstrationen. Die sind meistens ganz typische "Latschdemos", die manchmal von Aktivist_innen mit etwas Kreativität aufgepeppt werden. Meine erste Phantasie war, dass wütende Nazis, denen die NVP-Demonstration am 1. Mai verboten worden war, über die Linken hergefallen sind und es darum zu einer Gewalteskalation gekommen ist. Dass die Polizei auf die antifaschistischen Demonstrat_innen losgegangen ist, konnte ich mir eigentlich aufgrund des Charakters der Demonstration in den letzten Jahren einfach nicht wirklich vorstellen.

Ich habe meine Verwirrung und Infos getwittert und bin los auf die Blumau nachschauen. Dort fand ich nur noch Demomüll. Dann habe ich angefangen zu recherchieren, sehr hilfreich dafür waren mir meine Facebook-Kontakte. In den Mainstream-Medien fand sich zeitgleich eine offenbar überall abgeschriebene APA-Meldung, die von Vermummten berichtete von denen die Gewalt ausgegangen sei. Da ich mir das einfach aufgrund vieler Menschen, die ich kannte, die bei der Demo waren, nicht vorstellen konnte, habe ich weiterrecherchiert und schließlich - mit einem Facebook-Handy-Foto - gebloggt, was ich rausgefunden habe - immer unter dem Motto, dass ich mindestens zwei Quellen hatte für den Bericht (was ich bei den APA-Meldung abschreibenden Journalist_innen nicht vermute, sorry, aber das ist wirklich ein Muster-Beispiel von schlechtem Journalismus, was am 1. Mai nachmittag passiert ist). Meinen Blog-Eintrag habe ich dann im Laufe des Freitag immer wieder upgedatet, Highlight war wohl das recht rasch verfügbare ORF-Video, dass so deutlich zeigt von wem die Gewalt ausgeht. Dieses Video wurde dann auch schnell auch in der ungeschnittenen Fassung auf YouTube gestellt. Im Laufe des Nachmittags hat sich dann auch herausgestellt, dass mit dem Vize-Rektor der Kunstuniversität ein "Prominenter" unter dem Gewaltbetroffenen war. Parallel habe ich meine gesammelten Infos getwittert und in Facebook gestellt und diese haben sich ziemlich rasch durch meine Kontakte weiterverbreitet und wurde dann auch Freitag abend und Samstag woanders ins Web gestellt. Hier dazu nochmal allen ein herzliches Danke für das Info-Verbreiten!

Am 1. Mai am Abend habe ich dann von Dr.in Edith Friedl (die ich als engagierte Frau schon lange kenne) ein Email erhalten mit ihrem Augenzeuginnen-Bericht der Vorfälle. Ich habe nachgefragt, ob ich es veröffentlichen darf und dass dann am 2. Mai in der Früh gemeinsam mit anonymisierten Fotos der Demonstration auch getan. Ediths Fotos machten nocheinmal deutlich, was da Sache war: Friedliche Demonstrant_innen, darunter viele Jugendliche, und massive Gewalt seitens der Polizei. Wieder waren Twitter und Facebook, aber auch die von mir vorgenommene Verlinkung der offenen Plattform indymedia hilfreich diese authentischen Informationen auch zu verbreiten. Danke allen, die Blogbeiträge von mir verlinkt haben! Im "Stress" bin ich da gar nicht dazu gekommen mich da überall zu melden und mich persönlich zu bedanken.

Am Wochenende hat sich in Linz dann das Bündnis gegen Polizeigewalt formiert (wofür das Internet meiner Meinung nach auch äußerst hilfreich war, dass das so schnell ging und so gross geworden ist) und am Montag wurde von engagierten Aktivist_innen beschlossen, dass am 8. Mai, eine Woche nach der verhinderten Demonstration am 1. Mai eine Demo für Demonstrationsfreiheit und gegen Polizeigewalt stattfindet. Darüber habe ich in meinem Blog und in den sozialen Netzwerken informiert und am 8. Mai am Abend auch berichtet, was am Tag in Linz los war. Allerdings habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr die Ressourcen gehabt, immer zeitnahe zu berichten, darum ging es dabei dann auch nicht mehr, sondern ich habe einfach auf die entsprechenden entstandenen Webseiten verlinkt und mich einfach direkt aktiv im Rahmen meiner Möglichkeiten in die politische Arbeit gegen Repression, Polizeigewalt und für Demonstrationsfreiheit eingeklinkt und meine Kontakte in sozialen Netzwerken wieder für die Infoverbreitung genutzt. Das hat auch wieder ganz super geklappt. Danke!

Zudem bin ich ab 1. Mai ziemlich mit den Kommentaren in meinem Blog beschäftigt gewesen. Ich moderiere hier ja sehr offen, aber für Nazi-Kommentare, Holocaust-Leugnung und ähnliches ist in meinem Blog definitiv kein Platz, weil ich einer Ideologie, die für Menschenverachtung und gegen alles, was an demokratischer freier Meinungsäußerung steht, keine Öffentlichkeit geben möchte, dort wo ich Einfluss habe (abgesehen von den juristischen Fragen, die sich damit verbinden würden). Darum habe ich die Kommentare regelmässiger als sonst kontrolliert und meine Haltung dazu auch klar gestellt. Damit sind Nazi-Kommentare weniger geworden. Allerdings habe ich am 2. Mai ein Nazi-Email mit folgendem Inhalt erhalten "Leute wie du werden die ersten sein die umfallen und fürs Vaterland ihr Leben lassen wenns ernst wird in dieser Republik" (Beistrichfehler nicht von mir) - seitdem stelle ich meine Emailadresse nicht mehr so einfach ins Blog rein. Nachdem ich das ziemlich schockiert getwittert hatte, war ich echt froh über die tröstlichen und ermutigenden Reaktionen und gemeinsamen Überlegungen, wie damit umgehen. Ich habe mich mittlerweile entschlossen, dass nicht weiterzufolgen, weil ich nur beschränkte Zeit und Energie habe - und diese dann lieber doch in politische Arbeit investiere, die an den Strukturen rüttelt, die hinten solchen Reaktionen stecken.

Mein Resümee:

Ich habe die Sinnhaftigkeit sozialer Netzwerke wie Twitter, Facebook und Soup im Zuge dieser Geschichte neu entdeckt. Bisher habe ich das gemacht, weil es mir einerseits einfach Spass macht und ich andererseits diese Netzwerke nutzen kann, um Inhalte, die mir wichtig sind zu verbreiten, selbst einfach und schnell Informationen bekommen kann und mit spannenden Menschen darüber ins Gespräch kommen kann. In Bezug auf die Geschwindigkeit der Informationsverbreitung war Twitter einfach unschlagbar und ziemlich hilfreich - auch in dem Sinne, dass es vielleicht gemeinsam etwas bewirkt hat, dass sich die Berichterstattung in den Mainstreammedien sukzessive verbessert hat, vor allem auch deswegen, weil hier auch soviel aussagekräftiges Video- und Fotomaterial vorhanden war, dass verbreitet werden musste. Facebook war eine wichtige Informationsaustauschplattform.

Funktioniert hat das bei mir jetzt so gut aus mehreren Gründen:

  • Der richtige Zeitpunkt (theologisch gesprochen der "Kairos"): Wäre ich am 1. Mai nachmittags oder am 2. Mai gerade nicht da gewesen, hätte ich arbeiten müssen oder so, hätte ich das, was ich getan habe, ganz praktisch nicht machen können. Es war ein gutes Stück "glücklicher" Zufall, vielleicht gepaart mit Sensibilität und Wachsamkeit für Unglaublichkeiten, die sich da wenige Meter von meiner Wohnung entfernt abgespielt haben.
  • Ich habe sowohl auf Facebook wie Twitter relativ viele qualifizierte Kontakte, die im Laufe der Zeit der Nutzung kontinuiertlich entstanden sind. Wäre ich erst am 1. Mai auf die Idee gekommen, mich da anzumelden, hätte das gar nichts gebracht. Ich kenne sehr viele Menschen, mit denen ich virtuell vernetzt bin, persönlich bzw. habe ich sie im Laufe der Zeit so online so gut kennengelernt, dass da auch wirkliche Beziehungen entstanden sind. Das erhöht ganz einfach die Wahrscheinlichkeit, dass Informationen, die ich zur Verfügung stelle, auch verbreitet werden.
  • Ein gutes "altes" Blog als Homebase ist sehr hilfreich, um längere Texte öffentlich zu publizieren bzw. Informationen zu aggregieren. Da nur ich für die Inhalte in meinem Blog verantwortlich bin, kann ich selbst entscheiden, was ich tue und was nicht. Das geht schneller als jeder Entscheidungsprozess in einer Organisation - und da ich ja nicht nur über politische Aktivismus blogge, wirkt es (hoffentlich!) auch glaubwürdig und authentisch, was ich hier schreibe.
  • Ich bin in Linz aktiv in vielen, durchaus auch unterschiedlichen realen Netzwerken, ich kenne viele Menschen - und konnte darum sehr schnell beurteilen, welche Informationen wie zu bewerten sind. Definitiv ein Vorsprung gegenüber klassischen Journalist_innen, die sich oft fernab jeglichem politischen und kulturellem Engagement bewegen (nicht alle!).

Ja, ich mag sie die sozialen Netzwerke im Internet. Es ist nicht nur persönlich interessant, sondern die sozialen Netzwerke können eine positive Rolle spielen beim Eintreten für sachlich richtige Informationen, für Demokratie und Menschenrechte, ganz konkret. Dieses Mögen sozialer Netzwerke im Internet impliziert für mich aber unbedingt auch, nicht nur euphorisch damit umzugehen, sondern genauso, auch im Sinne von Demokratie und Menschenrechten, auch die negativen Seiten zu sehen und da auch aktiv zu werden: mangelder Datenschutz, das Ausliefern der eigenen Daten an kommerzielle Firmen, Verfließen von Privatheit und Öffentlichkeit, neue Ausschlüsse, der Zwang zu noch mehr Beschleunigung - das sind alles Themen, die unbedingt politisch und philosophisch reflektiert werden müssen und wo wir einen guten Umgang damit finden müssen, als Gesellschaft und genauso auch als einzelne Nutzer_innen.

Ich würde mich über eure Meinung und eure Erfahrungen sehr freuen. Was meint ihr?

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